Gut zwei Jahre ist es her, seitdem Casper mit seinem Debütalbum XOXO eines der meistverkauften Alben des Jahres veröffentlichte. Damals durchbrach Casper das herrschende Lagerdenken in der Musik und fand mit seiner Mischung Millionen von Fans. Die Spex hob ihn sogar auf den Rap-Thron und bezeichnete ihn als „Deutschlands besten Rapper“. Auch sein neues Album Hinterland ist kein reines Hip-Hop-Album geworden. Der Künstler selbst bezeichnet es eher als „Folk- oder Stadionrockplatte“. Die Tatsache, dass Markus Ganter als Produzent und Konstantin Gropper, der Casper beim Komponieren zur Seite stand, bei der Veröffentlichung mithalfen, unterstreichen diese Aussage.

Casper Hinterland Album Cover

Das kürzlich erschienene Album des „Vater des Hipster-Raps“, wie sich Casper gerne selbstironisch nennt, schließt nahtlos an XOXO an. Mit gewohnt krächzender Stimme vernimmt der Zuhörer den ersten Vers des Albums: „Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen“. Dieser Satz soll als Antwort auf die Frage zu verstehen sein, die die Hip-Hop-Szene Deutschlands schon länger beschäftigt: Ist er ein Rapper oder doch nicht? Casper selbst scheint dieses Thema wenig zu kümmern. Auf die entsprechende Frage antwortet er in einem Interview der Zeit, dass er „dieses Casper-Ding als Einladung an alle verstehe. An meiner Musik soll jeder teilhaben können, sie soll nicht limitiert sein, nicht nur für Metal-, Punk- oder Rap-Fans, nicht nur für Dicke oder Dünne, für Hübsche oder Hässliche.“

Weiter geht es mit dem Titelsong Hinterland. Gewohnt melancholisch und nachdenklich, beschreibt Casper seine Jugend, das Aufwachsen in einem kleinen konservativen Nest in der Nähe von Bielefeld und der Trailerparksiedlung in den Vereinigten Staaten. Casper greift hier bewusst oder unbewusst ein bekanntest literarischen Stilmittel auf, wenn er seine Hassliebe zum dort herrschenden Stillstand bekundet: „Wo jeder Tag aus warten besteht / Und die Zeit scheinbar nie vergeht“. Der Stil dieses und der meisten Lieder auf der Platte erinnern eher an eine Gitarrenrockplatte á la Bruce Springsteen als an Hip-Hop.

Melancholisch, ironisch und humorvoll hart

Soundtechnisch erlebt der Musikliebhaber einfache wie komplexere Abwechslung: Pianoeinlagen und aufregende Chöre runden die lässigen Gitarrenmelodien ab. Daneben verwöhnt Casper seine Zuhörer mit abwechslungsreichen Beats sowie hippie-ähnlichem Geklatsche. Ebenso sind mit dem Sänger der Indierockband Editors, Tom Smith, und Kraftklub, bekannte Gesichter der Szene als Gastmusiker vertreten. Ersterer auf dem Stück Lux Lisbon, in dem er seine Gefühle über eine (gescheiterte) Beziehung ausdrückt. Im achten Lied Ganz schön okay übernimmt dann Kraftklub den ersten Part. Mit einer lockeren Melodie schmiegt sich der Song ungeniert an den alltäglichen Gedanken vorbei direkt in die Ohrmuschel. Ganz schön okay kann ich gemeinsam mit Hinterland als Anspieltipp stellvertretend für die ganze Platte empfehlen.

Dass Casper aber auch anders kann, beweist er mit dem Song Jambalaya. Nach einem typisch südstaatlichen Reisgericht benannt, ist es der einzig originelle Rap-Song auf dem Album. Mit Jambalaya rechnet Casper mit all jenen ab, die nach dem Erscheinen von XOXO seinen Stil zu kopieren versuchten ohne seine Authentizität in die Lieder transformieren zu können: „Erst kam die Kopie, dann die Kopie der Kopie / Indie basierte Beats / Gespielte Melancholie / Tagebuchpoesie, billig klingende Melodien“.

Mit dem Album Hinterland hat Casper gezeigt, dass XOXO eine Ankündigung war auf das, was noch folgen wird. Wie der Bielefelder selbst ankündigte, wolle er seine Komfortzone verlassen, auch wenn er dabei seinen Stil durch diesen Entwicklungsprozess ändert. Nun ist es da. Fernab von Genreklischees entwirft Casper seine Musik neu und das Resultat ist die perfekte Mischung aus Caspers charakterlicher und musikalischer Sozialisation. Diesen Fortschritt hat Casper im letzten Track Endlich angekommen musikalisch vervollständig und kann für den abschließenden Punkt einer erfrischend abwechslungsreichen Geschichte verstanden werden.

Für mich trotz anfänglicher Skepsis eine wirklich gelungene Platte mit vielen verschiedenen Facetten, die es definitiv verdient hat angehört zu werden. Also scheut euch nicht das Album Hinterland (Limited Edition im Digipack) zu kaufen. Fazit: Eine klare Kaufempfehlung.